Kino

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Letze Änderung am 13. 09. 2018 durch Admin

Kino (Lichtspieltheater). Am 14. Jänner 1847 führte der Zauberkünstler Ludwig Döbler im Josefstädter Theater erstmals „bewegliche Zauberbilder" vor, die „ohne Einfluß der Mechanik, bloß mit Hülfe des Lichtes in's Leben gerufen" wurden; er hatte in England Vorführungen von optischen Bildern kennengelernt. Zu dieser Zeit beschäftigte sich Leutnant Uchatius bei seinen physikalischen Vorträgen im Bombardiercorps damit, die von Simon Stampfer erfundene Stroboskopische Scheibe mit der Laterna magica zu verbinden; Döbler erwarb von ihm den Apparat und verwendete ihn nach entsprechender Umkonstruierung.

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Apollotheater anlässlich der Wiener Erstaufführung von "Show Boat" (1929).

Am 28. Dezember 1895 veranstalteten die Brüder Auguste und Louis Lumiere aus Lyon im „Grand Cafe" am Boulevard des Capucines in Paris die ersten öffentlichen Filmvorführungen („Cinematographe"). Im März 1896 kam Monsignore Eugene Dupont, ein Bevollmächtigter der Erfinder, nach Wien, um hier die ersten Filme zu zeigen (20. März Erstvorführung im Projektionssaal der Lehr- und Versuchsanstalt für Photographie und Reproduktionsverfahren, ab 27. März täglich in 1, Kärntner Straße 45, Eingang Krugerstraße 2, Hochparterre; erste öffentliche Vorstellung auf österreichischem Boden); auch Franz Joseph I. fand sich am 17. April 1896 bei einer Vorführung ein. Am 26. August 1896 begannen Vorführungen im „Stadt-Panoptikum" des Louis Veltee (1, Kohlmarkt 10; System Lumiere) sowie im Haus 1, Kärntner Straße 39. Seit 1898 müssen die Operateure eine Prüfung ablegen. 1899 gab es im Prater (Nr. 77) Kinematographenvorführungen, die unter Karl Juhasz ausgeweitet wurden.

1903 spielten in Wien drei Kinos (das 1900 in einer Parterrewohnung gegründete Uhu-Kino [7, Kaiserstraße 46], aus dem sich das Erika-Kino entwickelte, das 1902 gegründete Münstedt-Kino [Prater 142; später Münstedts Palastkino, 1945 zerstört danach an anderer Stelle wieder aufgebaut, jedoch 1955 geschlossen; Vorführung von Filmen über den Russisch-japanischen Krieg und eine „Reise zum Mond"] und das 1903 gegründete Kino Kern [Prater Nr. 80; existierte bis 1945, dann zerstört]), 1906 zwölf Kinos (darunter das 1906 gegründete Kino Schäffer-Haushofer [6, Mariahilfer Straße 37; 500 Sitzplätze], „Homes Fey" [l, Kohlmarkt] sowie einige Zeltkinos, die allerdings in der Kinogeschichte lediglich ein Intermezzo darstellten); das Kino Klein (1905 wurde bald umbenannt in Kristall-Kino und war auf Wildwest- und Kriminalfilme spezialisiert; 1933 Umbau zum Tonfilmkino, 1945 zerstört). Zu den Vorführungen der Stummfilme gehörten (da Zwischentitel noch nicht gebräuchlich waren) Erklärer und Begleitmusik. Louis Veltees Schwiegersohn Anton Kolm wurde motiviert, sich ebenfalls mit dem Film zu beschäftigen, und produzierte ab 1906 Filme beziehungsweise 1908 den ersten österreichischen Spielfilm (Zusammenarbeit des Ehepaars Kolm mit dem Gehilfen und späteren Regisseur Jakob Julius Fleck).

Das älteste Kino im heutigen 21. Bezirk befand sich im Floridsdorfer Biograph-Theater. 1907 wurde ein „Verband österreichischer Kinematographenbesitzer" gegründet (1918 Bund [1920 Zentralverband] der österreichischen Lichtspieltheater, 1933 öffentlich-rechtliche Körperschaft, 1938 aufgelöst, 1945 wiederbegründet, 1947/1948 in die Kammern der gewerblichen Wirtschaft übergeleitet), ebenfalls 1907 begann eine bescheidene österreichische Filmproduktion, und 1911 folgte der „Verband der Kinoindustriellen". Anfang des 20. Jahrhunderts hatte sich die „Erste Oesterreichische Kinofilm-Industrie" (9, Währinger Straße 15) etabliert, die unter anderem das Leichenbegängnis von Bürgermeister Lueger (1910) filmte; die Aufnahme wurde in 22 Kinotheatern gezeigt. 1910 wurde Schulkindern der Besuch der Kinos behördlich untersagt, außerdem gab es Zensurprüfungen, die erst ab 1912 erleichtert wurden.

1912 wurde im Favoritner Arbeiterheim das erste Kino des 10. Bezirks eröffnet. Im Oktober 1912 wurde in Wien der „Internationale Kinematographenkongreß" abgehalten. Das erste Wiener Schulkino (das dem Unterricht diente) befand sich 9, Lazarettgasse 27 (Lazarettgasse). 1915 zählte man bereits 150, 1918 155 Kinos; am Ende der Monarchie war die Wiener Kinostruktur im wesentlichen bereits vorhanden (neben der Existenz der Kinobetriebe gab es seit 1916 baubehördliche Vorschriften für Kinos, seit 1918 waren Filmverleiher tätig und gab es ein Kinogesetz). 1918-1927 war die Stummfilmära (mit Kinoorchester oder Pianospieler [„Tappeur"]); in die Jahre 1921/1922 fällt der Höhepunkt der Wiener Filmproduktion (Sascha Kolowrat). 1920 wurde das Gebäude des Zirkus Busch (2, Prater; 1945 zerstört) für Filmvorführungen adaptiert (Busch-Kino; 1945 zerstört), 1923 brachte erstmals ein Kino Filme in Erst- und Alleinaufführung (heutiges Schwarzenbergkino), 1927 wurde das Lustspiel-Kino eröffnet (ehemals Lustspieltheater Fürsttheater, 1.100 Sitzplätze; 1939-1945 „Filmpalast"). Seit 1926 ist das Kinowesen Landessache.

Im Mai 1926 gründete die sozialdemokratische Gemeinde Wien die „Kiba" (Kinobetriebsgesellschaft mit beschränkter Haftung), um echte Filmpolitik betreiben zu können (1931 verfügte die Kiba bereits über 30 Kinos mit rund 16.000 Plätzen). Am 8. Juni 1928 wurden in der Urania erstmals Kurztonfilme (Lichttonsystem) vorgeführt, der abendfüllende Tonfilm erreichte Österreich jedoch erst 1929 (Aufführung des amerikanischen Films „Der Jazzsänger" am 21. Jänner 1929 im Central-Kino). Daraufhin wurde in Österreich das „Selenophon"-Lichttonsystem entwickelt, das Produktionsreife erlangte (1931-1933 auch eine internationale Wochenschau).

Als in Österreich 1930 aus politischen Gründen der amerikanische Film „Im Westen nichts Neues" Ablehnung fand, wurde er zwar im Jänner 1931 in den Kiba-Kinos „Apollo" und „Schwedenkino" vorgeführt, jedoch wenige Tage später nach Demonstrationen und Demolierungen seitens der Nationalsozialisten, Christsozialen und Heimwehr vom Innenminister verboten. 1926 gab es in Wien 175, 1929 177, 1934 173 und 1937 179 Kinos (mit rund 80.000 Sitzplätzen). 1934 wurde die Kinozensur wieder eingeführt, 1935 ein neues Kinogesetz beschlossen und 1937 für Neugründungen der „Ortsbedarf' fixiert. In Wien waren 13 Filmproduzenten ansässig, in den Wiener Kinos liefen jährlich rund 300 Filme (von denen 1937 27 aus österreichischen Produktion stammten). In der 1. Republik gab es neben einigen renommierten „Erstaufführungskinos" (Apollo, UFA, Central [heute Tabor] und anderen) eine große Zahl von Klein- und Kleinstkinos. Eine typische Grundrißform war der langgestreckte schmale Kinoraum mit einem einzigen Seitengang entlang der einen Seite der Sitzreihen, an dem sich zugleich die Ausgangstüren befanden, die oft in den Hof des Hauses führten. Diese Kinos verfügten häufig über einen Kreis regelmäßiger Besucher, der nicht selten Stammplätze gewissermaßen im Abonnement hatte, wobei die hinter dem Quergang, durch den man meist den Saal betrat, gelegenen besonders begehrt waren („fußfreie Reihe"); zweimal wöchentlich wurde das Programm gewechselt. Für den Ständestaat und die Nationalsozialismus hatten Film und Kino einen wesentlich politischen Stellenwert; sie wurden zum Sprachrohr des Regimes. Am 12. März 1938 wurde das Gremium liquidiert und durch eine Außenstelle der Berliner Reichsfilmkammer ersetzt; am 18. Juni 1938 wurde die deutsche Reichskulturkammergesetzgebung eingeführt und die Kinokonzession durch eine primär nach politischen Gesichtspunkten vergebene Spielbewilligung ersetzt.

Die Wiener Kinostruktur erlitt durch die „Arisierung" der jüdischen Kinobetriebe (etwa die Hälfte des Wiener Kinobestands) einen gigantischen Einbruch. Der Zweite Weltkrieg brachte aus verschiedenen Gründen einen ungeahnten Kinoboom mit sich (222 Kinos); nach der Sperre der Theater (1. September 1944) spielten nur mehr die Kinos (auch die Volksoper wurde in ein Kino umgewandelt). Obwohl bereits im Juni 1945 wieder 44 Kinos spielten, nahm der Kinobesuch in Wien ab den 50er Jahren stetig ab (1950: 47,0, 1960: 37,8, 1963: 28,8 Millionen Besucher), wobei die Entwicklung durch die Verbreitung des Fernsehens nicht unwesentlich beeinflußt wurde; 1960 gab es in Wien noch 198, 1963 200 Kinos. In der Folge mußten zahlreiche Kinos sperren; die frei werdenden Räumlichkeiten wurden teilweise von Diskontgeschäften und Handelsketten angemietet, andere nahmen Bankfilialen auf. Dem Besucherrückgang suchte man durch attraktivere Angebote zu begegnen (1955 Breitwand, 1956 Cinemascope, Stereophonie und so weiter sowie Schaffung sogenannten Kino-Center mit mehreren Kinosälen verschiedener Größe und mit verschiedenen Programmen in einem Haus unter gemeinsamer Leitung). 1979 wurde in der Besucherstatistik ein Tiefstand registriert. 1986 gab es in Wien 97 Kinos (etwa 6,3 Millionen Besucher, am 1. Jänner 1994 50 Kinos mit 160 Kinosälen (etwa 4,6 Millionen Besucher im Jahr 1993).

Kinos im Wien Geschichte Wiki

Literatur

  • Klaus Christian Vögl: Angeschlossen und gleichgeschaltet. Kino in Österreich 1938-45. Wien: Böhlau 2018
  • Ernst Kieninger / Armin Loacker / Nikolaus Wostry [Hg.]: Archiv der Schaulust. Eine Geschichte des frühen Kinos in der k.u.k. Ära 1896-1918. Wien: Filmarchiv Austria 2017
  • Juliane Batthyany: Kinos in Wien. Vom Alltag und Überleben der kleinen Filmtheater. Erfurt: Sutton 2010
  • Márta Hováth: Domkuppeln und Palastfassaden. Berliner und Wiener Kinopaläste der 1910er und 1920er Jahre. In: Massenfeste. Ritualisierte Öffentlichkeiten in der mittelosteuropäischen Moderne. Hg. von Károly Csúri / Magdolna Orosz / Zoltán Szendi. Frankfurt am Main: Lang 2009
  • Johann Steindl: 100 Jahre Kino in Penzing. In: Penzinger Museumsblätter 64 (2007), S. 2-22
  • Christian Dewald / Werner Michael Schwarz: Prater, Kino, Welt. Der Wiener Prater und die Geschichte des Kinos. Wien: Österreichisches Filmarchiv 2005
  • Werner Michael Schwarz: Kino und Stadt. Wien 1945-2000. Wien: Löcker 2003
  • Ingrid Ganster: Vom Lichtspieltheater zum Kinocenter. Wiens Kinowelt gestern und heute. Wien: Veröffentlichungen des Wiener Stadt- und Landesarchivs Reihe B: Ausstellungskataloge 2002
  • Peter Payer: Brigittenauer Lichtspiele. Kino und Film im 20. Wiener Gemeindebezirk (1908-1986). In: Wiener Geschichtsblätter 55 (2000), S. 161-196
  • Karlheinz Bauer: Kinosterben in Wien. Eine Analyse der strukturellen Rahmenbedingungen und Darstellung der Auswirkungen unter Berücksichtigung von ursächlichen Zusammenhängen. Dipl.-Arb. Univ. Wien. Wien 1994
  • Martin Mészáros: Audiovisuelle Nahversorger. Vorstadtkinos in Wien zwischen 1945 und 1965. Dipl.-Arb. Univ. Wien. Wien 1993
  • Werner M. Schwarz: Kino und Kinos in Wien. Eine Entwicklungsgeschichte bis 1934. Wien: Turia & Kant 1992
  • Heinrich Berg [u.a.]: Floridsdorf und Donaustadt. Zaltbommel: Europ. Bibliothek 1991 (Wien in alten Ansichtskarten, 21/22), S. 8
  • Walter Fritz: Kino in Österreich 1929-45. Der Tonfilm. Wien: Österr. Bundesverl. 1991
  • Franz Polly: Floridsdorfer Kinos 1904-1988. In: Floridsdorfer Spaziergänge (1989), S. 259 ff.
  • Walter Fritz: Kino in Österreich 1945-83. Film zwischen Kommerz und Avantgarde. Wien: Österr. Bundesverl. 1984
  • Walter Fritz: Kino in Österreich 1896-30. Der Stummfilm. Wien: Österr. Bundesverl. 1981
  • 90 Jahre Kino in Wien. Hg. vom Verbend des Wiener Lichtspieltheater und Audiovisionsveranstalter Wien [u.a.]: Verl. Jugend und Volk 1986
  • Hans Pemmer / Ninni Lackner: Der Prater. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Wien, München: Jugend & Volk 1974 (Wiener Heimatkunde)
  • Agnes Bleir Brody: Geschichte des Films in Österreich. Ausstellung veranstaltet von der Sektion Film und Fernsehfilm in der Gewerkschaft Kunst und freie Berufe und der VI. Viennale in der Volkshalle des Wiener Rathauses. Wien: Isda & Brodmann 1966
  • Otto Dürer: Zur Geschichte des österreichischen Films. In: Ebda., S. 20 ff.
  • Max Neufeld: VITA-Film - Atelier am Rosenhügel. In: Ebda., S. 63 ff.
  • Filme 1907-65 in Auswahl. In: Filme 1907-65 in Auswahl, S. 68 ff.